Der Lehrer, Forscher und Künstler

 


Bevor ich mich dem Gesang zuwandte, studierte ich Latein, Griechisch, Deutsch, Italienisch, Philosophie und Kunstgeschichte in Freiburg, Rom und Wien. Nach bestandenen Staatsexamina in Germanistik und Altphilologie wurde ich 1989 an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg zum Dr. phil. promoviert (als Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes). Meine Dissertation befasst sich mit dem Verhältnis von Ton und Wort („Notation mündlich vorgetragener Texte“) in frühmittelalterlichen Epen.

Parallel dazu begann ich, an der Staatlichen Hochschule für Musik in Freiburg Gesang zu studieren. Auf Anraten meines damaligen Professors Albrecht Meyerolbersleben begann ich bereits gegen Ende meines eigenen Studiums, Stimmunterricht zu geben und habe diese Tätigkeit auch nicht unterbrochen, als ich an verschiedenen Opernhäusern engagiert war. Um verantwortungsvoll und erfolgreich Gesang unterrichten zu können, muss man fähig zu Empathie sein. Jeder Schüler stellt ja einen eigenen „Kosmos“ dar, für den die jeweils passende Unterrichtssprache und Methodik zu entwickeln ist. Selbstredend muss man ebenfalls über großes künstlerisches und wissenschaftliches Wissen verfügen. Im Laufe meiner langjährigen Tätigkeit als Lehrer wurde mir aber auch immer klarer, welch große Rolle dabei Intuition und die wachsende Unterrichtserfahrung spielen. – Gesangsausbildung ist immer auch Menschenbildung. Man muss sich unablässig darum bemühen, die Studierenden zu verstehen. Wer sich nicht in das körperliche und seelische Wesen des lernenden Gegenübers einzufühlen vermag, wird kaum die für die jungen Sänger jeweils geeigneten methodischen bzw. didaktischen Mittel und Wege finden können. Der Lehrende muss sich in demselben Maße weiter entwickeln (wollen) wie der Student.

1993 berief mich die Musikhochschule Lübeck als Gesangsdozenten (Lehrauftrag für Haupt- wie Nebenfach), von 1996 bis 2001 unterrichtete ich im Rahmen einer Lehrstuhlvertretung an der Folkwang-Hochschule in Essen (Gesang im Hauptfach), und 1999 wurde ich zum Professor an der Musikhochschule Lübeck ernannt. 2000 folgte dann der Ruf auf eine Gesangsprofessur an der Universität für Musik und Darstellende Kunst Graz.

Als Student, Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg, der Sapienza in Rom und der Universität Wien litt ich – salopp formuliert – häufig unter einer gewissen „Dürre und Enge“, die den wissenschaftlichen Lehrbetrieb – jedenfalls teilweise – kennzeichneten. Als Gesangsstudent und Opern- wie Konzertsänger störte bzw. stört mich ebenso häufig die mangelnde Bereitschaft vieler meiner Berufsgenossen (auch Lehrender), sich über die rein reproduktive Kunstausübung hinaus erweitern zu wollen. Meiner Meinung nach sind es aber gerade die Umwege, die Querverbindungen, die Öffnungen zwischen den Disziplinen, den Fächern, den Denk- und Produktionsweisen, die zu neuen, fruchtbaren Impulsen und Erkenntnissen führen: in der Lehre, im künstlerischen Tun und auch in der wissenschaftlichen Forschung.

Als ich an die Grazer Musikuniversität (KUG) berufen wurde, stellte ich zu meiner großen Überraschung fest, dass es dort neben einem hohen künstlerischen Ausbildungsniveau auch eine – für Musikhochschulen – außerordentlich breit und gut aufgestellte wissenschaftliche Forschungslandschaft gab. 2007 wurde mir die Leitung eines Gremiums anvertraut, das das Curriculum für eine zu gründende „Künstlerische Doktoratsschule“ erarbeiten sollte. Dadurch war ich maßgeblich an der Planung und Realisierung dieses neuartigen universitären Projektes beteiligt. Unser Ziel war und ist es, einen im Humboldtschen Sinne freien akademischen Raum zu schaffen, der die Synthese von begrifflicher und sinnlicher Erkenntnis ermöglicht und aktiv dazu beiträgt, die Gräben zwischen der künstlerischen und wissenschaftlichen Forschung wie Ausbildung zuzuschütten. 2009 konnte die erste künstlerische Doktoratsschule an einer Musikhochschule im deutschsprachigen Raum in Graz ihre Arbeit aufnehmen. Ich wurde zu ihrem ersten Leiter gewählt, habe diese Funktion bis 2018 inne gehabt und fungiere seither als stellvertretender Leiter. Von Anfang an waren wir der Ansicht, dass das Projekt einer künstlerisch-wissenschaftlichen Doktoratsschule nur gelingen könne, wenn eine Äquivalenz von künstlerischem Tun und wissenschaftlicher Reflexion angestrebt würde: eine „künstlerisch-wissenschaftliche Forschung“. Wir haben viel zum (höchst kontroversen!) Diskurs über artistic research beitragen können, spannende Doktoratsprojekte begleitet, etliche Tagungen organisiert (die auch international Aufsehen erregten) und erfolgreich eine Organisationsform für dieses völlig neuartige Graduiertenkolleg entwickelt. Außerdem habe ich als Herausgeber und Autor an etlichen Publikationen zur künstlerisch-wissenschaftlichen Forschung mitwirken können.

Die permanente Auseinandersetzung mit dieser Thematik, die Realisierung und Leitung der Doktoratsschule, die damit einhergehenden öffentlichen und privaten Diskussionen, Konzerte, Lecture Recitals und Gesprächsrunden haben mich als Künstler, Forscher und Lehrer verändert und geprägt. Ich möchte diese Erfahrungen nicht missen.

In den vergangenen Jahren war es mir auch möglich, als künstlerischer Forscher (oder forschender Künstler?) eigene Projekte zu realisieren. Seit 2008/09 sind drei Bände „Lieder von Anselm Hüttenbrenner“ (wissenschaftlich-kritische Erstausgabe) erschienen (Accolade Verlag). 2009 brachte das österreichische Label Gramola die Ersteinspielung von Anselm-Hüttenbrenner-Liedern mit dem Titel „Die innere Welt“ (Klavier: Charles Spencer) heraus. Es folgten drei weitere CDs mit vielen Weltersteinspielungen bei Gramola: Lieder nach Gedichten von Friedrich Hebbel („Und nie vernahm ich noch ein schönres Lied von Glück und Sieg. Umso verfluchter dann“, 2014), Lieder nach Gedichten von Johann Heinrich Voß („Und laut ertönt’s im Hochgesang: Seid menschlich, froh und gut“, 2016) und Lieder nach Lyrik von Karl Gottfried von Leitner (mit rezitierten Gedichte, Doppel-CD) „Wie tut mir so wohl der selige Frieden!“, 2017 (Klavier: Sascha El Moussi). Alle CDs erschienen mit umfangreichen Booklets, die wissenschaftlich fundierte und informative Aufsätze (auch eigene) zu den jeweiligen Themenkreisen enthalten.

Dabei ist es mein Anliegen, die Kriterien, die der Kanonisierung ganzer Epochen und Werkbestände zugrunde liegen, zu hinterfragen. Zu oft hat eine hierarchisierende Musik- bzw. Literaturgeschichtsschreibung krasse Fehleinschätzungen gezeitigt. Dies trifft besonders auf die Autoren und Komponisten des Biedermeier zu. Manche dieser Künstler, die wiederzuentdecken es sich mehr als lohnt, waren zu ihrer Zeit hochberühmt. Andere haben – zu Unrecht – nie ein Publikum gefunden. Durch philologische wie musikgeschichtliche Recherchen und eigenes künstlerisches Tun bin ich dabei auf wahre Schätze unserer Kulturgeschichte gestoßen. Hier können – stellvertretend – nur ein paar Namen genannt werden: Werke von Anselm Hüttenbrenner, Sigismund Thalberg, Franz Paul Lachner, Martin Plüddemann, Emil Matthiesen, Johann Abraham Peter Schulz, Hardenack Otto Conrad Zinck, Franz Xaver Sterkel, Karl Gottfried Ritter von Leitner, Gustav Jenner. Um diese kompositorischen und sprachlichen Kostbarkeiten der Öffentlichkeit auf eine zeitgemäße Art und Weise näher bringen zu können, habe ich in den letzten Jahren neue Konzertformate entwickelt, in denen literaturhistorisch-musikgeschichtliche Podiumsgespräche, Einführungen, Rezitation und Liedvortrag sich gegenseitig befruchten. Dies ermöglicht es dem heutigen Publikum, einen unverstellten Zugang zu diesen zu Unrecht vergessenen Werken zu finden. Es folgten vier weitere CDs mit vielen Weltersteinspielungen bei Gramola (Sascha El Mouissi: Klavier). Lieder nach Gedichten von Friedrich Hebbel („Und nie vernahm ich noch ein schönres Lied von Glück und Sieg. Umso verfluchter dann“, 2014), Lieder nach Gedichten von Johann Heinrich Voß („Und laut ertönt’s im Hochgesang: Seid menschlich, froh und gut“, 2016), Lieder nach Lyrik von Karl Gottfried von Leitner (mit rezitierten Gedichte, Doppel-CD) „Wie tut mir so wohl der selige Frieden!“, 2017 und Lieder nach Lyrik von Emanuel Geibel („Ich blick in mein Herz und ich blick’ in die Welt“, 2017).

Im Jahr 2000 gründete ich in Zusammenarbeit mit dem renommierten Pianisten Charles Spencer die „Liedkunst“ in Husum (Schleswig-Holstein). Im Rahmen dieses Liedfestivals (Zusammenarbeit mit der Landesregierung Schleswig-Holstein und der Stiftung Nordfriesland) finden jährlich Nachwuchsförderung auf hohem Niveau (Meisterkurs und Wettbewerb mit Preisverleihungen) und international wahrgenommene Konzerte statt. Masterclasses mit verschiedenen inhaltlichen Schwerpunkten (vokale Kammermusik, Vokaltechnik, Oper, Oratorium) führen mich häufig nach Russland, der Türkei, Slowenien, Finnland, dem Kosovo und Italien. Außerdem lehre ich als Leiter der Austrian Chinese Music University am China Conservatory in Peking und dem Shanghai Conservatory.

Viele meiner ehemaligen Studierenden sind an verschiedenen Opernhäusern in Europa engagiert, Preisträger bei internationalen Wettbewerben und/oder als Dozenten, Professoren bzw. Rektoren an Universitäten und Hochschulen tätig.

2018 hat mir der Kreis Nordfriesland für meine „besonderen Verdienste um das kulturelle Leben Nordfrieslands“ den Hans-Momsen-Preis (seine höchste Auszeichnung) verliehen.

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